Toxic Positivity – Kann zuviel positives Denken schaden?

Wie viel Optimismus ist zuviel?

Es ist Dienstag, kurz vor 19 Uhr und ich sitze zu Hause im Home-Office und schreibe an einem Beitrag zu dem Thema Rituale & Routinen (Beitrag folgt in Kürze). Um 19 Uhr haben unsere 11- und 13-Jährigen Töchter wie jede Woche Online-Turntraining.

Im Kinderzimmer ist alles vorbereitet! Die 13-Jährige startet pünktlich um 19 Uhr wohingegen unsere 11-Jährige erst mit etwas Verspätung ins Zimmer ihrer Schwester geht, um mitzumachen.

Ich sitze und tippe und höre wir bereits nach zwei Minuten das anfängliche „sich anblöcken“, wie beispielsweise „Hey, rutsch mal, ich hab keinen Platz!“, steigert und die beiden lauter werden. In diesem Moment merke ich schon wie mein Pulsschlag etwas schneller wird, doch ich konzentriere mich weiter auf sitzen und tippen. Im Zimmer der älteren Tochter wird es lauter und lauter und kurz drauf verlässt die Jüngere unter Tränen und Beschimpfungen das Zimmer.

Mein Pulsschlag am Anschlag, springe ich auf, stürze ins Kinderzimmer und brülle. Ja, ich brülle und schimpfe und bin wütend und stinksauer über das Verhalten unserer Töchter. Sie können nicht mal 40 Minuten gemeinsam Gymnastik machen ohne sich zu streiten. Die Streitereien gab es auch nicht zum ersten Mal.

Ich kassiere alle elektronischen Geräte ein, die Mädles schimpfen zurück und kurz darauf sitzen drei Personen, jeder für sich alleine wutschnaubend in seiner Ecke!

Ich versuche weiterzuarbeiten indem ich sitze und tippe. Doch natürlich kann ich mich nicht mehr konzentrieren! Nach der Wut über meine Töchter, kommt die Traurigkeit und Enttäuschung über mein eigenes Verhalten.

Wenn es dir wehtut, bedeutet es dir was!

Über die letzten Jahre habe ich immer besser gelernt mit meinen negativen Emotionen umzugehen.

DISCLAIMER: Es gibt keine negativen Emotionen! Es gibt nur Emotionen, dich ich als negativ empfinde. Wut gehört für mich dazu!

Diesen Moment bzw. den Raum, den es gibt zwischen Reiz und Reaktion, kann ich für mich immer besser nutzen. Gerade wenn ich wütend werde, hilft der Moment, um zu atmen oder auf drei zu zählen oder zu hüpfen (das letzte war ein toller Tipp, den ich bekommen habe. Hüpfen hilft mir tatsächlich). Diesen Raum für sich zu nutzen, um mit seinen (negativen) Emotionen, mit der (unschuldigen) Situation und meinem Gegenüber klar zu kommen.

WICHTIG: Klar kommen bedeutet NICHT, seine Wut runter zu schlucken. Sondern es bedeutet sich und seinen Gegenüber davor zu schützen, womöglich verletzend in den Aussagen zu werden, was wir im Nachhinein bereuen würden. Es hilft sich klar zu machen, was gerade passiert und wie es gelingen kann es in Worte zu packen. Bezogen auf die obige Situation, könnte es dann wie folgt lauten: „Ich bin gerade sowas von wütend, weil ihr euch streitet und nicht richtig beim Sport mitmacht. Mir ist es mir wichtig, dass ihr euch bewegt und gut versteht. Wie können wir das hinbekommen?“

Warum erzähle ich dir das?

Wir alle sind auf einer Reise! Auf einer Entdeckungsreise zur besten Version unserer Selbst!

Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstveränderung sind unsere Bausteine der persönlichen Entwicklung, um ein erfülltes und glückliches Leben zu führen, das uns und unserem Kern entspricht!

Allen meinen Kund*innen gebe ich immer folgendes mit auf den Weg:

Sei lieb zu dir! Wie auch beim Sport, benötigt es Training und Wiederholung, um neue Verhaltens- und Denkmuster wirklich umsetzen zu können. Das eine wird besser klappen als das andere, es wird solche und solche Tage geben. Sei gnädig mit dir! Du bist auf dem richtigen Weg, du bist auf deinem Weg!

Birgit Baron

Lustigerweise kam mir genau dieser Satz in den Sinn als ich geknickt an meinem Schreibtisch saß. Ich lerne noch und ich werde mein Leben lang noch lernen. So ging ich nochmal Schritt für mich die Situation, meine Emotionen, meine körperlichen Empfindungen, meine Bedürfnisse und das Verhalten meiner Töchter durch.

Lernen, verstehen und beim nächsten Mal besser machen!

Genau das ist es, was ein großer Teil der eigenen Resilienz, der psychischen Widerstandskraft sowie der Selbstwirksamkeit ausmacht!

Es geht NICHT darum, immer zu lächeln, nur gute Laune zu haben und sich Dinge schönzureden!

Es geht NICHT darum, alle negativen empfundenen Emotionen wie Wut, Enttäuschung, Traurigkeit zur Seite zu schieben!

Ich weiß: Positives Denken hat Hochkonjunktur!

Nicht nur Instagram und Facebook befeuern mit ihren Sinnsprüchen und Hochglanzbilder à la „Good Vibes only“, auch wir selbst setzen uns oder unser Umfeld womöglich unter Druck wenn wir mal nicht so gut drauf sind!

Wenn wir dazu neigen, unsere negativ empfundenen Emotionen direkt wegzudrücken und durch „radikalen Optimismus“ zu ersetzten, dann nennt dies die Fachwelt: Toxic positivity!

Sozusagen eine giftige, ungesunde positive Einstellung.

Du kennst mich. Ich bin ein durch und durch optimistischer Mensch! Doch ich weiß, das Leben ist eine Achterbahnfahrt: Es geht hoch und runter und manchmal wird es einem schlecht oder schwindelig und manchmal jauchzen und quietschen wir vor Freude.

Oder schau dir einen Regebogen an: Es gibt KEINEN nur goldglänzenden Regenbogen. Der Regenbogen hat viele Farben und das ist auch gut so, denn genau das macht ihn ja so facettenreich und wundervoll! Genauso ist es mit deinen Emotionen: Es gibt nicht nur Goldsträhnen an Glück & Freude!

Wir haben eine ganze Palette an Emotionen, die unser Leben bunt und vor allem lehrreich machen.

Es so wichtig für unsere Entwicklung, gerade auch bei den Kindern, dass alle Emotionen gefühlt werden dürfen! Denn wenn wir nur die positiv gefühlten Emotionen zulassen und die anderen wegdrücken, dann können wir kaum Veränderungen herbeiführen bzw. wir blockieren die Beziehung zu uns selbst und auch zu unseren Mitmenschen.

Womöglich hast du es auch schon selbst erlebt, dass etwas vorgefallen oder passiert ist, das einfach scheiße war und es dir nicht gut ging. Nette Menschen, versuchen dich dann mit gut gemeinten Kommentare aufzumuntern: „Ist doch halb so schlimm!“ oder „Sieh’s positiv!“ Meistens macht es nicht besser, richtig?

Hand aufs Herz: Auch mir fällt es schwer beispielsweise meine Kinder traurig zu sehen. Mein erster Impuls ist natürlich sie aufzumuntern und gut zuzureden!

Überlege mal was dir in den Situationen eher geholfen hätte?

Wie wäre es wenn wir manchmal einfach nur Zuhören. Womöglich sogar auffordern: „Erzähl mal, was ist los?“ Bei Bedarf können wir auch zustimmen, dass es völlig ok ist jetzt traurig, wütend und enttäuscht zu sein. Bei Bedarf können wir auch nachfragen ob wir uns überlegen sollen was jetzt helfen könnte, damit es besser geht. Doch eventuell hilft es einfach nur da zu sein ohne gleich einen Weg oder Lösung zu finden, wie es wieder besser gehen kann.

Wenn mein Mann manchmal anfängt sich über etwas oder jemanden zu beschweren oder aufzuregen, frage ich oft direkt nach, ob er sich nur auskotzen möchte oder ob er Hilfestellung bei der Lösung eines Konflikts, Problem, Sache, etc. braucht. Oft ist die Antwort: „Auskotzen!“ Ok, dann höre ich aufmerksam zu und meistens geht es ihm danach auch schon besser 🙂

Womöglich magst du jetzt überrascht sein, dass das -auch von mir- propagierte positive Denken nicht der heilige Gral ist.

Es geht darum den richtige Weg für sich zu finden!

Es macht keinen Sinn, sich in negativem Denken aufzuhalten, womöglich sich sogar darin festzubeißen.

Genauso wenig macht es Sinn, sich alles nur schönzureden.

Optimismus ist gut und richtig! Nicht umsonst ist es eine der sieben Säulen der Resilienz (siehe auch mein Blogeintrag „Die sieben Säulen der Resilienz„). Es ist wichtig, eine Lebensauffassung zu haben, in der die Welt oder eine Sache von der besten Seite betrachtet wird.

Nur wenn der Optimismus „radikal“ wird, also nur noch Glück & Freude-Gedanken zulässt, dann verlieren wir mehr, als dass es uns an Wohlbefinden und tatsächlichem Glück schenkt.

Zurück zu meinen Töchtern und unserem Streit:

Wir haben uns später nochmal darüber unterhalten was passiert ist. Ich habe mich in aller Form für mein Verhalten entschuldigt. Ich lerne und arbeite weiterhin an mir, besser mit meiner Wut umgehen zu können. Der Vorschlag meiner Töchter, dass in Zukunft jede in ihrem Zimmer trainiert, damit sie sich nicht in die Quere kommen bei den Übungen, finden wir alle gut!

Es ist Donnerstag, kurz nach 19 Uhr und ich sitze zu Hause im Home-Office und schreibe an diesem Beitrag. Beide Mädels sind ihren Zimmern und nehmen getrennt am Online-Turntraining teil. Es herrscht Friede und allen geht es gut – Was will man mehr 🙂

Wir sollten uns nicht für unser Wut schämen. Sie ist eine sehr gute uns sehr mächtige Sache, die uns motiviert. Aber wofür wir uns schämen müssen, ist die Art wie wir sie missbrauchen.

Mahatma Gandhi

In diesem Sinne: Was sind deine Gedanken zu negativ gefühlten Emotionen und zu „Toxic Positivity„? Ich freue mich auf den Austausch bei Instagram und Facebook.

Empower yourself,

deine Birgit

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